Schiff nach Europa 2 – Südatlantik

Am Montag, den 28. Mai 2018 besteigen wir in Montevideo mit einer Handvoll anderer Overlander die Grande Amburgo.

Wir fahren unsere Autos an Bord, wo sie auf einem der unzähligen Car Decks alle schön festgezurrt werden.

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Nachdem wir unsere Kabinen bezogen und etwas gegessen haben, schauen wir beim Beladen zu. Wir dachten, damals in Afrika den Gipfel an Hilflosigkeit, Ineffizienz und Unvermögen beim Beladen eines Schiffes erlebt zu haben. Hier, in diesem entwickelten flotten und aufgeräumten Land bekommen wir zu unserer Überraschung die Oberstufe: Mit erschreckend prähistorischem unpraktischen Material und absolut chaotischer Kommunikation balancieren Hafenarbeiter und Deckmannschaft in einer Mischung aus Verzweiflung, Mut und Resignation unter haarsträubenden Fehlversuchen rund alle zwanzig Minuten einen der tonnenschweren Container baumelnd an Bord. Ohne Helm, Stiefel oder sonst irgendwelche Schutzkleidung, ein harter und gefährlicher Knochenjob. Ein Wunder, dass wir erst zwei Tage Verspätung haben.

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Als sie fertig sind, und wir im Morgengrauen endlich ablegen, schlafen wir schon. Am nächsten Tag fangen wir an, das Schiff zu erkunden. Unser Zuhause für die nächsten 3-4 Wochen. Wir sind auf der letzten Fahrt bevor das Schiff in Revision geht, und in einem Trockendock gründlich überholt wird. Das merkt man an allen Ecken und Enden. Vieles am Schiff ist alt, kaputt und ausgedient. Viel Charme hat es weder von außen, noch von innen, aber wir suchen uns unsere Eckchen, in denen wir es uns gemütlich machen. Auch wenn es noch recht kalt ist: der Blick aufs Meer und zu den anderen Schiffen ist einfach immer wieder umwerfend.

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Nach vier Tagen steuern wir Santos an, quasi die Hafenstadt von Sao Paulo. Im Morgengrauen werden wir von unserem Nebelhorn geweckt, aber nach und nach lichtet sich der Morgennebel, und gibt den Blick auf eine Hochhausfront frei. Schlepper ziehen uns tief in die Bucht, links von uns glitzern die Wolkenkratzer, rechts drängen sich Favelas an das Steilufer. Fährboote verbinden die beiden ungleichen Stadtteile.

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Am Hafen warten ordentlich aufgereiht hunderte von Scania-LKWs auf ihre Verladung, mal schauen, wie lange das so dauert. Auf jeden Fall bleibt uns Zeit für einen Landgang, bei dem uns Pierrine begleitet. Zu dritt spazieren wir den Küstenboulevard entlang, nehmen nochmal stilecht einen Caipirinha am Sandstrand, und schlendern am Fischmarkt vorbei, bevor wir wieder an Bord zurückkehren.

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Pierrine und Hans aus der Schweiz haben wir bereits in Foz de Iguazu kennengelernt. Damals wussten wir noch nicht, dass wir zusammen fahren würden, denn wir waren noch auf einem anderen Schiff gebucht. Dass es sich nun so ergeben hat, hat uns sehr gefreut. Die anderen Passagiere sind noch zwei weitere Schweizer, Silvia und Beat, sowie Susanne und Karl aus Österreich, die wir irgendwann letztes Jahr schon in La Paz kennengelernt haben.

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Die Besatzung zählt 28 Personen, der Kapitän Vincenzo, wie auch die meisten Offiziere sind Italiener, die Mannschaft stammt hauptsächlich von den Philippinen. Das sind natürlich die armen Teufel mit den schlecht bezahlten Knochenjobs. Im Unterschied zu ihren italienischen Vorgesetzten sprechen sie allerdings recht gut englisch, was die offizielle Sprache an Bord ist, und so werden sie zu unser aller (inklusive ihrer eigenen) Belustigung immer wieder zu Dolmetscherdiensten herangezogen.

Nach nur zwei weiteren Tagen – unsere Verspätung ist fast aufgeholt – erreichen wir Vitoria. Hier soll der Hafeneinlauf besonders schön sein, und wir freuen uns, dass wir ihn bei Tageslicht erleben dürfen. Noch driften wir erwartungsvoll vor der Küste im Sonnenschein, als drei Wale auftauchen: zwei Erwachsene und ein Jungtier nähern sich dem Schiff, umkreisen uns, prusten und blasen, das geht bestimmt eine Stunde lang, schließlich springen sie einer nach dem anderen hoch in die Luft, vollführen eine Drehung um die Längsachse und schmeißen sich klatschend wieder aufs Wasser. Ein Schauspiel, dem wir Passagiere ebenso begeistert folgen, wie die Crew auf der Brücke.

Schließlich kommt der Lotse an Bord und wir dürfen los. Und wahrlich: uns wurde nicht zuviel versprochen! Unter einer imposanten Brücke hindurch geht es an Felsen und Inseln vorbei immer weiter ins Landesinnere. Enger und enger wird die Fahrrinne, ganz zum Schluss wird gewendet. Eigentlich scheint das unmöglich, aber Lotse und Kapitän werden wohl wissen, was sie da tun. Ein Schleppboot zieht, eines drückt, langsam drehen wir auf der Stelle, ungläubig laufen wir von einer Seite zur anderen und beugen uns über die Reling, nur Zentimeter scheinen zu fehlen, aber natürlich, es klappt, und seelenruhig legen wir neben zwei schmucken Kabellegerschiffen an.

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Klick HIER  für Film (01:43)  Hafeneinlauf in Vitoria.

Wann immer wir eine Chance zum Landgang haben, wollen wir sie nutzen. Diesmal sind wir nur zu zweit, wir melden uns ordentlich ab, werden freigelassen und können es wieder mal kaum glauben, dass wir uns völlig alleine, unbegleitet, ungeschützt und eigentlich orientierungslos durch das Hafengelände bewegen sollen, vorbei an Containerstapeln, Fahrzeugen und arbeitenden Hafenkränen. Am Gate wird es dann auf einmal bürokratisch, wir müssen uns ausweisen, werden durchleuchtet und fotografiert. Ein Taxi bringt uns in die Stadt, wo wir spazieren gehen und noch einen allerletzten Caipirinha am Strand nehmen, bevor wir uns brav wieder durch alle Containerstapel und Hafenkräne zurück an Bord unseres Schiffes begeben, wo wir schon erwartet werden. 

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Nun ist erstmal Schluss mit Häfen, wir verlassen die Küste und nehmen Kurs aufs offene Meer. In rund sieben Tagen wollen wir den Atlantik überquert haben.

6 Antworten auf „Schiff nach Europa 2 – Südatlantik“

  1. Dela, dreh Deinem Arbeitgeber den Ruecken zu und werde Schriftstellerin, so spannend das alles zu lesen. Und Euch eine gute Restreise, gell..

  2. Anscheinend seid Ihr vor 5 Minuten angekommen, wie schön.
    Leider werde ich Euch hier in Frankfurt nicht begrüßen können, da wir am Sonntag in den Urlaub fahren und zwei Wochen später wiederkehren. Aber was sind schon zwei Wochen….

    Von mir aus könntest Du das ganze Jahr berichte schreiben und Marc macht faxen dazu…

    Liebe Grüße
    Martin

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