Colombia 4 – Highlands and Middle

Erstmal geht es intensiv weiter: Unser Auspuff ist durchgerissen. Okay, im Unterschied zu Marcs Flip-Flops, die tatsächlich sieben Leben zu haben scheinen, ist so ein Auspuff natürlich ein Verschleißteil, und auch in Afrika hatten wir einen Auspuffschaden, aber da waren wir schon in Nairobi. Hier scheinen wir die volle Packung gleich schon in den ersten Wochen zu bekommen… aber gut, nach ein paar Stunden Suche finden wir einen freundlichen Hinterhofmechaniker, der uns das Ding schweißt, und mit einem Tag Verzögerung geht es dann endlich nach Süden.

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Die Kolumbianer machen es einem zum Glück leicht, Verzögerungen in ihrem Land locker hinzunehmen. Sie begegnen uns herzlich, fröhlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Eigentlich immer gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt, interessieren sich aber auch sehr für  Politik, und dafür, was wir von ihrem Land und vom Friedensprozess halten, der hier natürlich das große Thema ist. Aber auch uns und andere Länder finden sie spannend, viele genießen es, jetzt selbst endlich reisen zu können. Wir können immer wieder kaum fassen, dass diese liebenswerten Leute sich seit Menschengedenken mit kurzen Unterbrechungen nichts als blutige Auseinandersetzungen und Bürgerkriege geliefert haben, und wünschen ihnen von Herzen, dass es damit endlich ein Ende hat.

Im Straßenverkehr sind sie nicht ganz so liebenswürdig. Sie fahren, naja, nicht wirklich aggressiv, aber doch recht forsch. Und sie halten sich wirklich an keinerlei Verkehrsregeln. Weder an Vorfahrtsregeln (Ampeln eingeschlossen) noch an Überholverbote, Rechtsfahrgebote oder, haha, Geschwindigkeitsbegrenzungen. Selbstverständlich auch nicht an durchgezogene Linien, der Polizist vom ersten Tag wollte, wie wir jetzt überzeugt sind, nur ein bißchen quatschen. Seltsame Angewohnheiten haben sie beim Überholen. Auch in Europa bekommt man dabei manchmal freundlich Hilfestellung vom Vordermann, der links blinkt, wenn Gegenverkehr in Sicht ist, und rechts, wenn er meint, dass man ihn überholen kann. Es hat ein wenig gedauert, bis wir mit Verblüffung festgestellt haben, dass sie das hier auch machen – nur genau umgekehrt! Ein Rechtsblinker des Vordermanns bedeutet, bleib rechts. Ein Linksblinker heißt, überhol mich ruhig. Darin mag zwar auch eine gewisse Logik liegen, der Linksblinker kann allerdings auch heißen, ich möchte links abbiegen, was natürlich ab und an zu haarsträubenden Missverständnissen führt. Nunja, wir müssen wohl nicht alles verstehen.

Rätsel geben uns auch manche recht abstrakte Verkehrszeichen auf:

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Andere hingegen zeigen geradezu rührenden Detailreichtum:

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Die Straßenverhältnisse sind insgesamt nicht schlecht, aber extrem unterschiedlich, und weder wir, noch die Straßenkarte, noch das Navi können im Voraus abschätzen, ob eine rote Hauptstraße heißt, dass wir auf einer doppelspurig ausgebauten Strecke mit 80 km/h vorwärtskommen, auf einer einspurigen Rumpelpiste mit 20 km/h, oder auch in den Bergen mit LKW-Verkehr mit 10 km/h. Bei unseren durchschnittlichen Tagesetappen von rund 200 km macht das schon einen Unterschied. So passiert auch gleich mehr als einmal das, was wir immer vermeiden wollen: wir kommen erst im Dunkeln an.

Der größte Sohn des Landes ist natürlich Gabriel Garcia Marquez (aktuell dicht gefolgt von Shakira und James), den sie hier liebevoll Gabo nennen, und der tief verehrt wird. Wir besuchen sein Elternhaus in Aracataca, und auch das Städtchen Mompos. Beide Orte nehmen für sich in Anspruch, Vorbild der fiktiven Stadt Macondo aus ‘Hundert Jahre Einsamkeit’ zu sein, und in der Tat kann man in beiden etwas dieser seltsam schläfrigen altkolonialen Stimmung spüren.

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In Mompos, wo wir eines Freitags wieder mal im Dunkeln landen, fängt es abends am Ufer des mächtigen Rio Magdalena, der das Land auf 1.500km von Süd nach Nord durchschneidet, an, zu leben. Da holen die Getränkebüdchen Tische und Stühle heraus, Musik wird angeworfen, und große (1-Liter!) Bierflaschen landen auf den Tischen. Eine Art Freitagsmarkt – das lassen wir uns selbstverständlich nicht entgehen! Um uns herum sitzen lauter fröhliche Einheimische, fast alles Frauen jeden Alters und feiern mit ihren Freundinnen das Wochenende. Die Tische stehen voll mit diesen großen Bierflaschen, irgendwann beschweren unsere Nachbarinnen sich beim Kioskmann, wie das denn aussehe, soviele Bierflaschen, er solle die mal abräumen. Das macht er auch: er kommt mit einer leeren Bierkiste, die er neben den Tisch stellt, und in die er die Flaschen hineinräumt. Wir schauen uns um, und sehen, dass fast jeder Mädelstisch so eine Kiste neben sich stehen hat, die am Ende des Abends gut gefüllt ist. Wir sprechen von 3-er und 4-er-Tischen. Ach, wir waren mittendrin, und hatten einen Superabend!

Am nächsten Tag wollen wir es auf jeden Fall ruhig angehen lassen, und einen kurzen Fahrtag einlegen. Klappt wieder super. Wir haben schlechte Straßen, kommen kaum vorwärts, aber Übernachtungsplätze gibt es hier nicht. Wir wollen San Gil erreichen, so ein Outdoor-Paradies in den Bergen, da soll es einen Campingplatz geben. Als wir ankommen, ist es schon wieder dunkel, und der Platz liegt mitten im Ort und kann nur Zelte unterbringen, keine Autos. Die Leute schicken uns weiter den Berg hinauf zu einer anderen Campsite. Dort ist ein verschlossenes Tor, an dem man sich vorbeischlängeln muss, und dann noch einen Kilometer laufen – durch tiefen Matsch, wie sich herausstellt – um die Rezeption zu erreichen. Wir sind inzwischen zu allem bereit, finden jedoch in der Rezeption nur zwei verschlafene Volunteers vor. Die Besitzer sind weggefahren, und einen Schlüssel für das Tor haben sie nicht dagelassen. Kraft- und willenlos wandern wir durch den Matsch zurück und rollen mit dem Auto zurück an die Hauptstraße. Es ist inzwischen neun Uhr, hierzulande später Abend. Den erstbesten Kiosk quatschen wir an, kaufen ein paar Bier und dürfen vor dem Laden direkt an der Straße stehenbleiben. Wir sind mit allem einverstanden, auch mit dem ungewöhnlichen Tier, mit dem wir diesmal unsere Toilette (immerhin!) teilen.

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Wir reisen weiter und versuchen, einen etwas entspannteren Fahrrhythmus zu finden. Die Durchquerung von Bogota gelingt uns prima, die nächste Übernachtung auch, danach steuern wir die berühmte Coffee-region an. Kaffee anbauen können sie wohl, in diesem Land, mit dem Kaffee machen, das haben sie leider nicht so drauf. Es ist ein enttäuschend dünnes Zeugs, dass uns überall serviert wird. Auch im Hochland der Coffee-region ändert sich das nicht, dafür finden wir eine fantastische Landschaft vor. Eine Art Allgäu mit riesigen Palmen, angeblich den größten der Welt. Außerdem treffen wir endlich andere Overlander. Mit Martin und Christa aus Österreich und Namibia freunden wir uns schnell an, und durchwandern am nächsten Tag gemeinsam wohlgelaunt die wunderschöne Landschaft.

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Am nächsten Tag verabreden wir uns mit Valentin, der Anfang des Jahres bei uns in der Kommunikation der IPEX ein Praktikum gemacht hat, und seit einigen Monaten in Kolumbien unterwegs ist. Das ist ein herzliches Wiedersehen, wir verbringen einen heiteren Nachmittag zusammen, treffen unverhofft eine Gruppe Skaterinnen (irgendwie ist es doch ein Frauenland, auch Motorradtaxis werden hier oft sehr cool von Frauen gefahren) und abends gehen wir mit ihm und seinen Freunden Tejo spielen. Das ist hier der Volkssport, man schmeißt Bleigewichte auf Schwarzpulverplättchen, die auf einem Eisenring liegen. So ähnlich wie Boule, wer am nächsten dranliegt, gewinnnt, und klar, wenns knallt, gibts Extrapunkte. Valentin und ich schlagen als Team IPEX unsere Gegner knapp, und wir beenden den Wettstreit gemeinsam mit ein paar Bierchen auf dem Dorfplatz. Am nächsten Tag bekommt Marc beim Dorffriseur noch einen neuen Haar- und inzwischen auch Bartschnitt, wir verabschieden uns schweren Herzens von all unseren Freunden, und auf gehts weiter Richtung Süden.

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8 Antworten auf „Colombia 4 – Highlands and Middle“

  1. Ha , Dela, der Auspuf!, als Dein Vater und ich 1959 mit unserem Ford 12 M ! über Anatoliens Pisten fuhren, Straßen gab es damals dort natürlich nicht,( auch keine Navis, PC, oder Smartphones), da ging auch unser Auspuff zu Bruch. Weit und breit nichts, nur kleine Dörfer und Nomaden an den spärlichen Brunnen! Aber in einem dieser kleinen Dörfer saß in Schmied der gerade damit beschäftigt war eine kupfernes Minarett zu schmieden. Der unterbrach dann halt mal seine Arbeit und schmiedete einen Auspuff für uns, und der hielt bis wir wieder in Frankfurt waren!
    Falls es Verkehrsregeln gab, so hielt sich auch dort keiner dran. Aber es gab ohnehin so wenig Autos so daß das egal war. Ich war im Glück als ich mit unserem „Grautier“ dann eine Kamelkarawane überholen konnte. Eine richtige Karawane mit viel Gepäck, ganz so wie in den orientalischen Märchen.
    Habt weiter viel Freude und genießt eure wundervolle Reise
    mamsla

  2. Hallo Ihr 2,
    schön wieder von Euch zu hören. Schade, dass Ihr ein bisschen Pech mit dem Auto und den Campsites hattet, aber so kann es ja nur besser werden.
    Habe mal ein wenig gestöbert: Die abstrakten Verkehrschilder mit den Kreisen bedeuten:
    „Licht an oder Licht aus“ auch am Tag!
    Wünsche Euch weiterhin eine gute Reise.
    Liebe Grüße
    Hutzel

  3. Ohhh, I totally forgot about these weird signs, so funny to see them again. It sounds like you are having a good start! It’s really nice to read your stories (even with my limited German language skills), brings back good memories of one of my favorite countries. Enjoy the ride!

  4. Hallo Ihr Zwei,
    ich habe auch noch mal im Internet recherchiert:
    Also das Verkehrszeichen mit den Halbkreisen bedeutet: „Mit Abblendlicht fahren“
    Und das Verkehrszeichen mit oben den weißen Kreisen und unten den Halbkreisen bedeutet: „Mit Fern- oder mit Abblendlicht fahren“
    Mein persönlicher Tipp für Fahrten in Ländern, in denen die Leute oft zu schnell und auch über durchgezogene Linien fahren: Am besten IMMER mit Licht fahren!
    Gute und sichere Weiterfahrt!
    🙂

    Jörg

  5. Hallo Ihr beiden,
    wieder faszinierend Eure Fotos und Storys.
    Genial beim Barbier (Spiegelbild), die Skater Familie oder euer
    Selfie in den Bergen unter den Wolken.
    Wünsche euch weiterhin alles gude und freue mich schon auf die Fortsetzung.
    Tschüss Wolfgang

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