Chile 4 – Northern Patagonia – Carretera Austral 1

Eine Nachtfähre bringt uns durch Sturm und Dauerregen nach Chaiten an die Carretera Austral.

 

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Hier ist am frühen Morgen alles ein wenig grau und trostlos, es regnet weiter in Strömen, der Ort steht praktisch unter Wasser, der Strom ist ausgefallen, alles ist geschlossen, die Straßen menschenleer. Wir schlafen noch ein paar Stunden am Straßenrand, dann brechen wir auf nach Süden.

Douglas Tompkins, der Gründer von North Face, hat hier vor einigen Jahren große Mengen unberührtes Land gekauft, unter Schutz gestellt, und später dem Staat übergeben. Als Pumalin National Reserve ist das Gebiet, im krassen Gegensatz zu den öffentlich verwalteten Nationalparks, vorbildlich erschlossen, kostenlos zugänglich, aber streng geschützt. Hier gibt es noch Pumas, heißt es, unberührten Regenwald, und eine einzigartige Natur. Und – für ein paar Stunden zumindest – Sonnenschein.

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Wir gehen ausgiebig wandern und verbringen eine ruhige Nacht in diesem wundervollen Park. Am nächsten Tag schüttet es wieder und wir fahren weiter. Bei diesem Wetter ist es nicht einladend, anzuhalten oder Fotos zu machen, wir machen Kilometer. Irgendwann am Nachmittag entdecken wir das Auto unserer Franzosen auf einer Campsite am Straßenrand, und verbringen dort bei weiter ununterbrochen strömendem Regen auf einer vollkommen durchweichten Wiese mit unseren Freunden die Nacht.

Am nächsten Morgen saust eine Ambulanz an uns vorbei die Carretera Richtung Norden. Eine Weile später Polizei, und noch etwas später die Feuerwehr. Sowas sieht man hier nicht allzu oft. Wir hoffen, sie machen eine Übung, es ist Samstag morgen. Im nächsten Ort machen wir halt, um unseren Reifen reparieren zu lassen, und dort, während der Hubschrauber über uns hinwegfliegt, erfahren wir, dass es keine Übung ist, sondern ein schreckliches Unglück: im Nachbarort hat es am Morgen einen Erdrutsch gegeben, es gibt viele Tote und noch viel mehr Vermisste. Zwanzig Häuser und auch die Carretera sind verschüttet. Der Mann, der unseren Reifen repariert, raucht eine nach der anderen und hat Tränen in den Augen, wie auch alle anderen um uns herum, und wir auch. Es ist das Nachbardorf. Es sind ihre Nachbarn, Freunde und Verwandten. Und wir sind am Tag zuvor da durchgefahren.

Dieses Ereignis bedrückt uns sehr, und es gelingt uns tagelang nicht, zu unserer unbeschwerten Stimmung zurückzufinden. Immer mehr Tote werden gefunden, die Carretera wird auf Monate gesperrt bleiben. Es sickert in die internationalen Nachrichten durch, da ist von ‘einer entlegenen Andenregion’ die Rede. So entlegen ist sie nicht, die Carretera ist die Lebensader der Region, man kann diese Stelle nicht einfach umfahren, und hunderte von Reisenden in beide Richtungen stranden erstmal. Nach uns kommt Richtung Süden erstmal nichts nach.

Wir sind nicht übermäßig furchtsam, aber wir fühlen uns auch nicht unverletzlich, und sind schon vorsichtig. Aber uns wird in aller Deutlichkeit vor Augen geführt: wenn man Pech hat, erwischt es einen einfach, egal, wie vorsichtig man war. Seit wir auf diesem Kontinent unterwegs sind, kommen wir immer wieder mit Naturgewalten und ihren Auswirkungen auf die menschliche Existenz in Berührung. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Flüsse, die auf einmal alles mitreißen. Überall ist sichtbar, wie gewaltig und mächtig die Natur um uns herum ist, und wie klein und verletzlich das, was die Menschen in diese Natur hinein bauen, die hier überall rumpelt, wackelt und rutscht.

Leicht beklommen und noch aufmerksamer als vorher fahren wir weiter, und gelangen an eine Teilstrecke, die schon vor einem halben Jahr komplett weggebrochen ist, und auf einer Fähre umfahren werden muss.

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Kurz darauf kommen wir zum Quelat National Park, in dem es einen Hängegletscher zu bestaunen gibt, wir wußten überhaupt nicht, dass es so etwas gibt. Er thront hoch oben in den Felsen, und die Stücke, die von ihm abbrechen, stürzen weit in die Tiefe, bevor sie auf einem Felsplateau zerschellen, um dann als Bröckchen in eine Lagune zu kullern. Stundenlang beobachten wir den Gletscher, zu gerne wollen wir dieses Schauspiel miterleben, aber nichts passiert. Als wir aber weiter unten im Park übernachten, hören wir den ganzen Abend lang die Brocken herabdonnern, wie tiefes Donnergrollen klingt das, oder wie eine große Sprengung, gewaltig!

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Weiter und weiter fahren wir die Carretera, es ist eine einsame und rauhe Landschaft voller Berge, Flüsse, Seen und Fjorde. Noch gibt es Asphalt, und ab und zu auch Ortschaften, Landbau und blühende Lupinen, Fingerhut, Gänseblümchen und Löwenzahn. Es ist Sommer! Auf den Weiden stehen Kälber und Lämmchen, aber der immer wiederkehrende Regen, von dem Ihr nicht viel seht, weil wir einfach keine Fotos dabei machen können, schlägt sich in den Bergen um uns herum als Neuschnee nieder.

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Für Weihnachten hatten wir keine besonderen Pläne, wir wollten versuchen, einen schönen Platz zu finden, und vielleicht etwas Gesellschaft, aber man muss es hier ein bißchen nehmen, wie es kommt. Der Zufall will es, dass wir kurz vor Weihnachten an einem malerischen Ort namens Cerro Castillo unsere Franzosen wiederfinden, und auch einige weitere alte und neue Reisebekanntschaften. Wir beschließen, die Feiertage hier zu verbringen, und erkunden erstmal gemeinsam die Umgebung. Der Ort heißt Cerro Castillo nach seinem Hausberg, der mit seinen vielen Zinnen und Türmchen tatsächlich etwas von einem Kastell oder einer Burg hat.

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Wir verbringen Heiligabend mit etwa zwanzig Autoreisenden aus aller Herren Länder, dazu nochmal fast genauso viele Fahrradfahrer. Wir kochen zusammen ein Mehrgängemenü, wir haben einen Weihnachtsbaum, Kinder, Hunde, jede Menge Essen und viel Rotwein. Wir haben W-Lan und Kontakt mit zuhause, viel Sehnsucht, aber auch einen wundervollen und einzigartigen Abend.

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Wir schenken uns gegenseitig warme Socken, Handschuhe und solche Dinge, und machen uns nach einer stürmischen und regnerischen heiligen Nacht und einem weiteren verregneten Tag am zweiten Weihnachtsfeiertag bei strahlendem Sonnenschein weiter auf den Weg Richtung Süden.

12 Antworten auf „Chile 4 – Northern Patagonia – Carretera Austral 1“

  1. hallo, ihr zwei

    mein gott, das ist ja alles sehr aufregend, was ihr da erlebt und sehen koennt. die aufnahmen zeigen schon ganz schoen viel davon. den regen braucht ihr auch nicht zu fotografieren, davon haben hier wir auch genug. aber ansonsten ist diese landschaft schon sehr, sehr schoen. wirklich zum beneiden.

    es freut mich fuer euch, dass ihr weihnachten so schoen feiern konntet und hoffe mit euch, dass euch der sonnenschein weiter begleitet und ihr toll ins neue jahr rutschen koennt

    alles, alles gute fuer euch und vielen dank fuer die wunderbaren reiseberichte.

    marina

  2. Ihr Lieben,
    ein Land voller Leben. Welches das Leben spiegelt, wie es nun mal ist, heute so und Morgen wieder ganz anders.
    Ich lese eure Erlebnisse sehr gerne und fieber mit euch. Ich hoffe, ihr erlebt noch viele, schöne Dinge und bleibt gesund.
    Wir denken ganz dolle an Euch!
    Liebe Grüße
    Sandra Sch.

  3. Wat een geluk hebben jullie gehad, en wat een vreselijk gevoel moet het geven van zo nabij de effecten van het natuur geweld te ervaren. Het is ook raar om te lezen over het slechte weer, wetende dat ik daar zulk prachtig weer heb gehad. Terwijl ik jullie verhalen lees zit ik in Laos, daar waar het vandaag ook onophoudelijk regent. Gelukkig uitzondering ( vooralsnog!). Veel reis plezier toegewenst in het prachtige Patagonië. Ik kijk uit naar jullie verhalen. Kus, Yvette

  4. Hallo liebe Dela, hallo Marc,

    ich wünsche Euch fröhliche Rest-Weihnachten , schön dass Ihr einen prima Kreis gefunden habt, überhaupt scheint Chile die “ erste Wahl“ . Da Ihr im Moment nicht da seit, übe ich mal das Nichtrauchen und – trinken, geht, Vermutlich bin ich der Weltrekordhalter in Kinderpunsch trinken auf dem Weihnachtsmarkt. Ihr seht ich leide mit Euch mit, lach. Das Sozialprojekt in Autofogana oder wie das heißt , hört sich Klasse an!
    Weiterhin viel Spass und viele Abenteuer!!!
    lg aus Aschaffenburg Emu

  5. Wünsche ein schönes Weihnachtsfest gehabt zu haben, einen guten Rutsch ins neue Jahr, den Ihr leider nicht mit uns verbringen werdet und dabei Ihr hättet ein Heimspiel gehabt.
    Ich umarme Euch beide

  6. Wau. Was ein tolles Weihnachtsfest!

    Die Stimmung nach dem Unfall kann ich gut nachvollziehen und da sieht man auch wieder, dass so eine Reise nicht nur Hochglanz und blauer Himmel ist. Das verstehen manche zu Hause aber nicht. Nur dass man monatekang urlaub macht.
    Kommt gut ins neue Jahr!

  7. Hello Marc and Dela,

    You are having quite an adventure, and it is good to see that you alive.

    So that your non-German speaking friends (the Wiedolffs) in the US, can follow your travels, they have asked me to translate your blog into English. Finally I have caught up with you. If there is anyone else that wants or needs an English translation, I would be glad to send it.

    Best Wishes
    Joe Wernicke (husband of Rose)

    1. Hi Joe,
      You are a hero! To translate all those articles from german to english, respect! It makes us very happy to hear the W. family is also following the trip and now you made it easier for all to read it. Thanks for making your translation available for others too, hope our friends use it. Take care, love to the Family. Marc and Dela

  8. Hello Joe!
    What a job to make a translation of the travel stories. That is really great. We would love to receive it as Philippe is only admiring the pictures and I always tell him then in short about the stories 🙂
    Would be great to have it in English. My email is laurien254@gmail.com.
    I wish you, Rose and the rest of the Wiedolff family a verry happy 2018!!!
    (And of course to all other friends of Marc and Dela who read this blog).
    Laurien (sister of Marc)

    1. Hello Laurien,

      Rose converted the document into pdf, and will send it to you. When there are more entries on the blog, I will translate them and send the pdf files.

      Have a great New year.
      Joe

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